Eine Rezension des Buchs
„Vertrauen innerhalb der ‚organisierten Anarchie‘
Die Bedeutung von Vertrauen für das Wissenschaftsmanagement an deutschen Universitäten“ (2024)
von Jan Lauer
Rezensent*innen: Pascal Nicklas & Annemarie C. Deser
Rezension:
Lenin hat es nicht zuerst gesagt. Dass Vertrauen gut, Kontrolle aber besser sei, entspringt einem russischen Sprichwort, und fällt jedem zuerst ein, wenn von Vertrauen die Rede ist. Lenin findet sich auch nicht Lauers Bibliographie, dafür aber Luhmann, dessen systemtheoretische Arbeit „Vertrauen“ (zuerst 1968) nicht nur ein Standardwerk in der Literatur zum lange von der Forschung vernachlässigten Begriff „Vertrauen“ ist, sondern auch ein zentraler Text für die ausgezeichnete Arbeit von Lauer. „Vertrauen“ beziehungsweise „social trust“ wird erst seit etwa dreißig Jahren intensiv beforscht. Diese vergleichsweise kurze Zeit der Diskussion – im Hinblick darauf, wie wichtig Vertrauen in sozialen Verhältnissen ist – hat dazu geführt, dass es kein einheitliches Konzept des Gegenstandes gibt. Die Bestimmung von Vertrauen ist ein weites unübersichtliches Feld. Wurde zunächst die Kontrolle und nicht das Vertrauen vor allem in BWL als entscheidendes Steuerungselement in Organisationen gesehen (vgl. S. 11), wurde durch den Cultural turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften die ‚weiche‘ Kategorie des Vertrauens wichtiger.
Lauer fragt nach der Funktion des Vertrauens in der Governance im deutschen universitären Wissenschaftsmanagement. Der theoretische erste Teil der Arbeit behandelt vor allem die begriffliche Klärung von „Vertrauen“ und der „Organisation Universität“. Hier werden die Grundlagen für die im empirischen zweiten Teil erfolgende Darstellung und Auswertung der qualitativen Interviews, die unter Hinzunahme der Critical Incident Technique (CIT) geführt wurden, geschaffen. Neben einem kurzen Exkurs zu „Wissenschaftsmanagerinnen und Wissenschaftsmanager als innerorganisationelle Grenzstellen“ ist insbesondere das Schlusskapitel, in dem Wissenschaftsmanagement als „interaktionell ausgehandelte Unsicherheitsabsorption“ (S. 220) erläutert wird und die Lehren aus der theoretischen wie empirischen Arbeit gezogen werden, von großem Interesse.
Lauers insgesamt gut und verständlich geschriebene Arbeit ist gründlich in der Rekonstruktion und Definition der Begrifflichkeiten, ohne allzu pedantisch zu sein. Lauer unterscheidet zwischen Systemvertrauen und persönlichem Vertrauen (S. 128), um die beiden für seine weitere Untersuchung wichtigsten Vertrauenstypen zu etablieren. Systemvertrauen hat zwei Funktionen, nämlich Imagination/Integration auf der einen Seite und nach Luhmann die Reduktion von Komplexität. Dem persönlichen Vertrauen werden von Lauer die beiden Funktionen als „Schmiermittel“ und als Hilfe beim Netzwerken zugeschrieben. Diese Unterscheidungen und Definitionen sind, wie Lauer selbst sieht, nicht unproblematisch, aber sehr hilfreich bei der späteren Auswertung der empirischen Untersuchung.
Ähnlich undankbar bei der Begriffsbestimmung wie „Vertrauen“ ist der Begriff der Universität, wenn es um eine soziologisch tragfähige Definition geht. Doch Lauer entwickelt geduldig und für seine Fragestellung erfolgreich die Terminologie: Jede im Soziotop ‚Universität‘ arbeitende Person ist sich der Komplexität und Widersprüchlichkeit dieser Institution oder Organisation bewusst. Sie als „organisierte Anarchie“ (Cohen/March/Olsen 1972) zu bezeichnen, hat Tradition. Für seine Zwecke entwickelt Lauer ein Modell von Schnittbereichen der drei Subsysteme der Universität: Präsidium, Verwaltung und Wissenschaftler/innen können als drei sich überschneidende Kreise gesehen werden (S. 133), wodurch vier Schnittmengen entstehen – jedes einzelne Subsystem hat eine Überschneidung mit jedem einzelnen anderen und alle drei eine gemeinsame, die als Interaktionsräume verstanden werden können, in denen Wissenschaftsmanagement stattfindet. Dieses Modell, das die Universität als „multiple Hybridorganisation“ begreift, erlaubt die Bestimmung des Wissenschaftsmanagements als Schnittstellenmanagements zwischen den drei Subsystemen. (S. 140) Daraus ergibt sich eine genauere und ausführlichere Fassung der Fragestellung in drei Fragekomplexe: Erstens, in welcher Weise die Akteure des Wissenschaftsm-anagements die Problematik der multiplen Hybridorganisation mit seinen drei Subsystemen wahrnehmen und sich in ihrem Verhalten entsprechend ausrichten. Zweitens fragt sich, welche Governancemechanismen besonders benutzt werden und ob sich diese an den verschiedenen Schnittstellen unterscheiden. Drittens: Welche Funktion hat in diesem Modell das Vertrauen?
Lauer kommt durch die Auswertung des empirischen Materials zu der Einsicht: „Persönliches Vertrauen hat für das Wissenschaftsmanagement die Funktion, Lücken im Systemvertrauen zwischen den Subsystemen der Universität zu füllen. Gleichzeitig ist dieses persönliche Vertrauen eine Vorbedingung für die Governancemechanismen, derer sich Wissenschaftsmanagerinnen und Wissenschaftsmanager besonders bedienen, nämlich Verhandlung und Netzwerk.“ (S. 219) – Daraus zieht er unter anderem Schlüsse hinsichtlich der Art und Weise, wie eine Universität erfolgreich mit den Akteuren des Wissenschaftsmanagements umgehen sollte: Bei der Einstellung und der Verlängerung von Verträgen ist vor allem auf die Fähigkeit der Netzwerkbildung zu achten. Besonders effiziente Netzwerkerinnen und Netzwerker sollen gehalten und gefördert werden, da sie schwer zu ersetzen sind und der Aufbau von guten Netzwerken Zeit erfordert.
Pascal Nicklas & Annemarie C. Deser
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